Diese Seite gibt den Text eines Heftchens wieder, das 1999 im Rahmen eines Praktikums im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart gestaltet wurde. Es soll den Besuchern der Antikensammlung einen kurzen historischen Überblick über die Jahrhunderte geben, in denen die Exponate der Ausstellung entstanden sind.

Das Copyright liegt beim Württembergischen Landesmuseum Stuttgart, die Wiedergabe hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

Von Troia bis Byzanz – Alte Geschichte in 5392 Worten

1200 v. Chr.

Um 1200 v. Chr. geht im östlichen Mittelmeerraum und im Vorderen Orient die Bronzezeit zu Ende. Im letzten Abschnitt dieser Epoche, der Späten Bronzezeit, die die vier Jahrhunderte von 1600 bis 1200 v. Chr. umfaßt, dominieren im Osten als Großmächte Babylonien, Ägypten (dort regiert in der Mitte des 14. Jahrhunderts der Pharao Tut-Anch-Amun) und das Hethiterreich Anatoliens. Das Verhältnis dieser Staaten zueinander ist von einer hochentwickelten Diplomatie geprägt – die Bezeichnung der Epoche als Zeitalter der Streitwagen trägt darum nur der halben Wahrheit Rechnung.

In Griechenland blüht in der Späten Bronzezeit die mykenische Kultur, benannt nach dem Ort Mykene in der Argolis. Dort und an anderen Stätten Griechenlands entstehen große Paläste, die als Sitz mächtiger Fürsten und wirtschaftliches Zentrum für die von ihnen beherrschten Gebiete dienen. Die Leistungen dieser Zivilisation, der frühesten Hochkultur auf dem europäischen Festland, sind beachtlich: Die Grabbeigaben aus den Schachtgräbern der frühen Zeit beweisen Meisterschaft in der Goldschmiedekunst, die späteren Kuppelgräber, die gewaltigen Befestigungen der Paläste und das berühmte Löwentor von Mykene geben Zeugnis von den Möglichkeiten im Bereich der Architektur. Als Hilfsmittel für die Verwaltung wird die sogenannte Linear B-Schrift benutzt, deren Sprache die Träger dieser Kultur als frühe Griechen ausweist.

Die Bronzezeit ist die Epoche, in der die Sagen der Griechen späterer Jahre zeitlich angesiedelt sind. Die bekannteste ist die vom Krieg um Troia, der angeblich kurz nach 1200 stattgefunden haben soll. Tatsächlich ist Troia in der Späten Bronzezeit eine reiche und mächtige Stadt. Ihre Bedeutung verdankt sie der vorteilhaften Lage an den Dardanellen (auf der asiatischen Seite): Handelsschiffe, die die Durchfahrt vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer passieren wollen, müssen unter Umständen lange im Hafen Troias vor Anker liegen, um günstige Winde und Strömungen abzuwarten. Ob es aber wirklich einen troianischen Krieg von der Art gegeben hat, wie die Sage berichtet, ist umstritten. Und trotz seiner Rolle in der griechischen Mythologie gehört Troia auch nicht der mykenischen Zivilisation an, sondern dem Bereich der anatolischen Kulturen.

Die Bronzezeit endet mit einer Periode großer politischer Unruhen. Um 1200 v. Chr. bricht das Hethiterreich zusammen, Ägypten wird sehr geschwächt, ohne sich je wieder ganz erholen zu können. Auch die mykenischen Paläste werden über einen länger andauernden Zeitraum hinweg zerstört. Die Ursachen für diese Umbrüche sind vielfältig. Teilweise spielen gewisse Wanderungsbewegungen eine Rolle („Ägäische Wanderung“), teilweise – so im Falle des Hethiterreiches – sind es innere Gründe, die zum Kollaps der bronzezeitlichen Welt führen.

1100 – 1000 – 900 – 800 v. Chr.

Nach dem Ende der Bronzezeit und dem Zusammenbruch der dieser Epoche angehörenden politischen Gebilde treten in der nun beginnenden Eisenzeit neue Kräfte auf, die das Bild der Mittelmeerwelt in den folgenden Jahrhunderten prägen werden: im Vorderen Orient die Assyrer, in der Levante die Israeliten, Philister und Phöniker. Letztere übernehmen den mykenischen Seehandel im Mittelmeer und beginnen mit der Gründung von Handelsstützpunkten und später auch Siedlungen an den Küsten bis hin zur Straße von Gibraltar. Eine dieser phönikischen Gründungen ist Karthago („Neustadt“, gegründet 814 v. Chr.), das wegen seiner Kriege mit Rom noch eine bedeutende weltpolitische Rolle zu spielen haben wird. Die Phöniker sind es auch, die um 1000 v. Chr. ein Alphabet schaffen, auf das durch griechische und lateinische Vermittlung unsere Schrift zurückgeht.

Was Griechenland betrifft, so werden die vierhundert Jahre von der Zerstörung der mykenischen Paläste um 1200 bis zum Beginn der archaischen Zeit nach 800 v. Chr. als die „Dunklen Jahrhunderte“ bezeichnet. Dies spielt zum einen darauf an, daß Griechenland in dieser Zeit auf eine im Vergleich zur vorhergehenden mykenischen Hochkultur tiefere Stufe zurückfällt, zum anderen, daß wegen des Fehlens von schriftlichen Zeugnissen nur wenig über diese Jahre bekannt ist – die mykenische Linear B-Schrift ist zusammen mit der Palastwirtschaft untergegangen.

Fest steht, daß die mykenische Kultur nach dem Ende der Paläste auf bescheidenerem, regionalem Niveau noch etwa hundert Jahre lang nachklingt. Im 11. Jahrhundert kommt es dann zu Umgruppierungen der Bevölkerung innerhalb Griechenlands und zur Besiedlung der ägäischen Inseln und der Westküste Kleinasiens durch Griechen. Um 1050 v. Chr. entsteht in Attika und auf der Insel Euböa ein neuer Stil in der Dekoration von Keramik, der seiner Zeit den Namen gibt: Geometrische Epoche. Von nun an lassen sich erste Anzeichen eines neuen Aufschwungs feststellen. In Lefkandi auf Euböa wird im 10. Jahrhundert ein Fürst in einem großen Grab bestattet, das mit reichen Beigaben ausgestattet ist. Unter den dortigen Funden sind Luxusartikel aus dem Orient, die Kontakte mit dieser Region beweisen.

Italien hat in der Bronzezeit anders als Griechenland noch keine Zivilisation mit Schrift hervorgebracht. Daran ändert sich auch in der frühen Eisenzeit, die hier erst um 1000 v. Chr. beginnt, nichts. Von den Kulturen dieser Zeit soll hier wegen ihrer späteren Bedeutung die Villanova-Kultur genannt werden, deren Verbreitungsgebiet vor allem die Toskana umfaßt.

700 v. Chr.

Zwischen 800 und 700 v. Chr. entsteht in Griechenland eine neue Zivilisation, die das Griechentum aus den „Dunklen Jahrhunderten“ nach dem Ende der mykenischen Zeit ins Licht der Geschichte zurückführt. Bezeichnend für diesen Wiedereintritt in die Geschichte ist die Tatsache, daß die Liste der Sieger bei den Olympischen Spielen mit dem Jahr 776 v. Chr. beginnt. Das ist das erste überlieferte Datum der europäischen Geschichte.

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung der griechischen Kultur spielen Einflüsse aus den Hochkulturen des Vorderen Orients, mit denen die Griechen durch die Aktivität der phönizischen Kaufleute verstärkt in Berührung kommen. Griechische Handwerker beginnen, orientalische Importartikel zu imitieren, und so kommt es, daß auf den mit geometrischen Mustern verzierten Tongefäßen nun auch Pflanzen, Tiere und Menschen dargestellt werden. Man spricht von der orientalisierenden Phase der griechischen Kunst.

Von zentraler Bedeutung ist der Beginn der Schriftlichkeit in Griechenland durch die Übernahme und Umformung des phönizischen Alphabets. Um 750 v. Chr. entstehen mit der Niederschrift der Sagen um den troianischen Krieg und seine Folgen die Ilias und die Odyssee, die beiden ältesten Werke der europäischen Literatur. Sie werden einem Dichter namens Homer zugeschrieben, dessen Lebensgeschichte von Legenden umrahmt ist. Wahrscheinlich gehört er als umherziehender Sänger zur aristokratischen Oberschicht seiner Zeit, deren auf Land- und Viehbesitz beruhender Reichtum ihr einen Lebensstil erlaubt, in dem Pferde, festliche Trinkgelage und Heldensagen eine Rolle spielen.

Ein weiterer wichtiger Prozeß, der in den Jahrzehnten um 750 v. Chr. beginnt, ist die „Große Kolonisation“, die Gründung griechischer Siedlungen an den Küsten des Mittelmeeres (vor allem in Süditalien und auf Sizilien) und des Schwarzen Meeres. Zu den Ursachen dieser Bewegung gehört das Bevölkerungswachstum, das in Griechenland zu einem Mangel an Ackerland geführt hat. Folge der Kolonisation ist, daß die Griechen, ähnlich wie sie selbst durch die Phöniker in Kontakt mit den überlegenen Kulturen des Orients gekommen sind, nun ihrerseits einen stimulierenden Effekt auf einheimische Völker ausüben. In Italien geschieht dies vor allem bei den Etruskern, deren Zivilisation aus der Villanova-Kultur hervorgeht und die um 700 v. Chr. von den Griechen die Schrift und den orientalisierenden Stil in der Kunst übernehmen.

Noch ein anderes Ereignis findet angeblich im 8. Jahrhundert in Italien statt: die Gründung Roms 753 v. Chr. Doch dieses Datum ist rein fiktiv. Im Gebiet Roms leben in dieser Zeit zwar schon Hirten, aber von der Existenz einer Stadt kann keine Rede sein.

600 v. Chr.

In den Jahrzehnten um 600 v. Chr. vollzieht sich in Griechenland die Ausformung der typisch griechischen Staatsform der Polis. (Die Übersetzung des Begriffes mit „Stadtstaat“ wäre irreführend, da zu einer Polis nicht unbedingt ein städtisches Zentrum gehören muß.) Dieser Vorgang vollzieht sich in den einzelnen Gemeinden vor dem Hintergrund innerer Spannungen, die sich in Machtkämpfen der Adelsfamilien untereinander und in sozialen Problemen der unteren Bevölkerungsschichten manifestieren. Angesichts dieser Spannungen entsteht vielerorts das Bedürfnis, durch Aufzeichnung des Gewohnheitsrechts und Schaffung neuer Gesetze Rechtssicherheit zu gewinnen. So entsteht das Konzept der Polis als eines durch Gesetze geordneten Gebildes. Ein weiteres verbreitetes Stadium in der Entwicklung der Polis ist die Tyrannis, die Alleinherrschaft eines Adligen. Sie ist die letzte Steigerung adliger Macht, bringt aber zugleich deren Überwindung mit sich.

Die Begriffe „Tyrannis“ und „Tyrann“ haben ursprüglich keine negative Bedeutung. Ganz im Gegenteil genießen viele Tyrannen zu ihrer Zeit ein hohes Ansehen. Ihre Machtfülle ermöglicht ihnen häufig ein für die Polis vorteilhaftes Wirken. Korinth zum Beispiel erlebt unter der Herrschaft des Tyrannen Kypselos und seiner Nachfolger Periandros und Psammetich (um 650 bis 580) eine Blütezeit. Die Stadt wird jetzt zum führenden Zentrum der griechischen Keramik-Produktion. Ihre Töpferwaren werden weithin, vor allem aber ins westliche Mittelmeergebiet exportiert und an vielen Orten nachgeahmt.

In Athen kommt es nach dem Wirken der Gesetzgeber Drakon (um 624) und Solon (um 594) zur Tyrannis des Peisistratos und seiner Söhne Hippias und Hipparchos (561/60–511/10). Auch hier fällt die Zeit der Alleinherrscher mit einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte zusammen: Nicht nur kann Athen in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts Korinth seinen Rang in der Keramik-Produktion ablaufen; durch den Bau einer Wasserleitung, die architektonische Ausgestaltung des Volksversammlungsplatzes (Agora) und den Bau von Tempeln und Schatzhäusern auf der Burg (Akropolis) beginnt auch das äußere Erscheinungsbild der Gemeinde „städtisch“ zu werden.

In Italien erreicht zur selben Zeit die Macht der Etrusker ihren Höhepunkt. Diese können im 7. und 6. Jahrhundert ihr Gebiet über die Toskana hinaus nach Norden in die Po-Ebene und nach Süden über Latium nach Kampanien ausdehnen. Zusätzlich haben sie die Seeherrschaft im Tyrrhenischen Meer inne, die sie durch den im Bunde mit Karthago errungenen Sieg über die Griechen bei Alalia (um 540 v. Chr.) sichern können. Im Verlauf ihrer Expansion übernehmen die Etrusker auch die Herrschaft in Rom. Erst durch das Wirken etruskischer Könige wird dieses Dorf zu einer – zunächst noch unbedeutenden – Stadt.

500 v. Chr.

In den Jahrzehnten vor 500 v. Chr. hat sich die politische Landkarte des Nahen Ostens dramatisch gewandelt. Der Perser Kyros II. und seine Nachfolger haben das Reich der Meder im Iran, das der Lyder in Kleinasien, das babylonische Chaldäerreich sowie Ägypten unterworfen. Zusammen mit dem Lyderreich sind auch die griechischen Städte an der Westküste Kleinasiens Teil des persischen Weltreiches geworden.

Ins Jahr 500 fällt der Beginn der Erhebung dieser Städte gegen die persische Oberhoheit („Ionischer Aufstand“), der mit der Zerstörung Milets enden wird (494). Dieser Konflikt wird den ersten großen Zusammenstoß der Griechen mit dem Osten nach sich ziehen, die Perserkriege. Die wichtigsten, teils von Legenden umrahmten Stationen dieser Kriege, in dem sich das kleine, politisch zersplitterte Griechenland erstmals zu gemeinsamem Handeln aufraffen und sich so gegen die Großmacht behaupten kann, sind auch heute noch vielen bekannt: der Sieg bei Marathon, von dem die Athener durch einen Boten informiert wurden, der den gut 42 km langen Weg vom Schauplatz der Schlacht bis nach Athen in Rekordtempo zurücklegte und am Ziel völlig entkräftet tot zusammenbrach (490); der Zorn des persischen Königs Xerxes, der wegen des Untergangs einer Schiffsbrücke über den Hellespont im Sturm das unruhige Meer auspeitschen ließ; der Opfertod der Spartaner unter ihrem König Leonidas an den Thermopylen; der Sieg der griechischen Flotte in der Seeschlacht bei Salamis (480).

Den größten Anteil am Erfolg der Verteidigung Griechenlands gegen die Perser haben die Städte Athen und Sparta. Insbesondere Athen, wo 511/510 die Tyrannis beendet worden ist, wird bald großen Nutzen aus dem Sieg ziehen. Aber die Stadt hat auch einen hohen Preis dafür zu zahlen: zweimal wird sie von den Persern eingenommen (480 und 479), wobei auch die Akropolis zerstört wird.

In Italien beginnt ab etwa 500 v. Chr. die Macht der Etrusker zu schwinden. Im Jahre 474 erleiden sie in der Seeschlacht von Kyme (bei Neapel) eine empfindliche Niederlage gegen die Griechen aus Syrakus. Als weniger bedeutsam mag da zunächst der Verlust der Herrschaft über das kleine Rom empfunden werden, wo der letzte etruskische König, Tarquinius Superbus, verjagt und eine Adelsrepublik errichtet worden ist – 510 oder 508 soll das geschehen sein, behaupten die späteren römischen Geschichtsschreiber. Wer hätte damals Roms kometenhaften Aufstieg von einer Kleinstadt in Latium zum Haupt der Welt erahnen können?

400 v. Chr.

Im 5. Jahrhundert hat Athen sowohl den Gipfel der Macht als auch den totalen Niedergang erlebt. Durch die Gründung des Attischen Seebundes (478/77), der unter Führung Athens den Schutz der Griechen Kleinasiens gewährleisten soll, hat diese Stadt sowohl politischen Einfluß als auch großen Reichtum erlangt. In der Jahrhundertmitte kann sie neben Persien und Karthago als eine der drei Großmächte im Mittelmeer gelten.

Die führende Persönlichkeit im politischen Leben Athens ist ab 461 v. Chr. Perikles. Er ist an der Entwicklung der Demokratie maßgeblich beteiligt, und unter seiner Ägide entstehen Kunstschöpfungen, die heute als Inbegriff des „Klassischen“ gelten. Zu seinem Freundeskreis gehören neben anderen der Historiker Herodot (der „Vater der Geschichte“), der Tragödiendichter Sophokles und der Baumeister und Bildhauer Pheidias. Der letztgenannte wird mit der architektonischen Neugestaltung der von den Persern zerstörten Akropolis betraut, wo jetzt unter anderem der Parthenon gebaut wird, der schönste und berühmteste Tempel der griechischen Welt.

Auf diese Blütezeit folgt die Katastrophe des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta (431–404), verursacht durch den Dualismus, der diese beiden führenden Städte Griechenlands seit dem Ende der Perserkriege einander immer mehr entfremdet hat. Voller Haß und mit unerbittlicher Härte geführt, stürzt dieser Krieg die ganze griechische Welt ins Chaos, und obwohl Sparta Athen nach fast dreißig Jahren niedergerungen hat, ist der wahre Sieger am Ende das Perserreich als der lachende Dritte. In den Jahrzehnten nach 400 wird zwar die kulturelle und geistige Blüte Griechenlands weitergehen, aber auch seine politische Ohnmacht und militärische Selbstzerfleischung. Die Politik der griechischen Städte wird ein Spielball in der Hand des persischen Großkönigs sein, und wenn im letzten Drittel des 4. Jahrhunderts Griechen zur Eroberung des Perserreiches ausziehen werden, so wird dieses Unternehmen nicht von den griechischen Städten ausgehen, sondern von einem Mann, der selbst vom Rande der griechischen Welt kommt, von Alexander dem Großen, dem König von Makedonien.

Auch Rom erlebt um 400 v. Chr. unruhige Zeiten. Zwar kann 396 mit der Eroberung der benachbarten etruskischen Stadt Veji ein wichtiger Rivale ausgeschaltet werden, doch schon neun Jahre später (387) wird Rom selbst von plündernden keltischen Horden eingenommen. Die Sage berichtet, wie nur durch das warnende Geschnatter der fürs Opfer bestimmten Gänse verhindert werden kann, daß die Burg auf dem Kapitolshügel bei einem nächtlichen Überraschungsangriff den Kelten in die Hände fällt.

300 v. Chr.

Die beherrschende Gestalt des letzten halben Jahrhunderts ist Alexander der Große gewesen. Sein Vater, König Philipp II. von Makedonien, hatte die untereinander zerstrittenen griechischen Städte in der Schlacht von Chaironeia besiegt (338) und sie zum Zusammenschluß im Korinthischen Bund gezwungen, in dem natürlich er selbst das Sagen hatte. Nach seinem Tod wird Alexander König von Makedonien, und auf seine Veranlassung und unter seiner Führung beginnen die Griechen einen Feldzug gegen das Perserreich, der zunächst als Rache für die 150 Jahre zurückliegenden Perserkriege propagiert wird, dann aber immer gewaltigere Ausmaße annimmt. Man munkelt, Alexander wolle die ganze Welt erobern und bis zum Ozean an ihrem Rand vorstoßen. – Als Alexander 323 in Babylon stirbt, hat er dieses Ziel zwar nicht erreicht, ist aber immerhin bis Indien gekommen und hat unterwegs Syrien, Ägypten und Mesopotamien unterworfen, das Perserreich zerschlagen und sich zum König von Asien gemacht.

Alexanders riesiges Reich hat nach seinem Tod keinen Bestand. Aus den Machtkämpfen seiner Nachfolger (der Diadochen) werden schließlich drei große Monarchien hervorgehen: das makedonische Reich der Antigoniden (bis 168 v. Chr.), das Seleukiden-Reich in Vorderasien (bis 64 v. Chr.) und das Ägypten der Ptolemäer (bis 30 v. Chr.). Alle diese Reiche werden einst von Rom erobert werden. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Roms militärische Aktivitäten sind nach wie vor auf Mittel- und Süditalien beschränkt.

Alexander der Große steht am Beginn einer neuen Zeit. Als Sinnbild für den Umbruch mag die Legende stehen, daß der Brand des altehrwürdigen, zu den sieben Weltwundern gehörenden Artemis-Tempels in Ephesos – ein Verrückter hat ihn angezündet, um auf diesem Weg unsterblichen Ruhm zu erlangen – in der Geburtsnacht Alexanders 356 v. Chr. stattgefunden haben soll. Die gut dreihundert Jahre von Alexander bis zum Anfang der römischen Kaiserzeit (30 v. Chr.) werden als Zeitalter des Hellenismus bezeichnet. Die wichtigste Entwicklung dieser Epoche ist die Ausbreitung der griechischen Kultur nach Osten in die von Alexander unterworfenen Gebiete der „Barbaren“, das heißt der (aus griechischer Sicht) unzivilisierten Völker mit unverständlicher Sprache. Sie geht vor allem von den Städten aus, die Alexander und seine Nachfolger in den eroberten Ländern gründen. Die berühmteste dieser Städte ist Alexandria im Nildelta Ägyptens, das bald zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum wird. Die dortige Bibliothek mit ihrer halben Million Buchrollen setzt es sich zum Ziel, das gesamte griechische Schrifttum zu sammeln. Im Zeitalter des Hellenismus wird das Griechische zur allgemeinen Verkehrssprache des östlichen Mittelmeerraumes, und diese Rolle wird es bis zum Ende der Antike behalten, auch in römischer Zeit.

200 v. Chr.

Im Jahr 200 v. Chr. schaut die Mittelmeerwelt gebannt auf Rom. Diese Stadt hat soeben Karthago, die Herrin des westlichen Mittelmeeres, besiegt und sich damit zur Weltmacht aufgeschwungen. Wie ist es dazu gekommen?

Zu Beginn des 3. Jahrhunderts gehen in Rom zwei schon lange andauernde Konflikte zu Ende. Zum einen können die Ständekämpfe, in denen das einfache Volk (die Plebejer) vom herrschenden Adel (den Patriziern) politische Mitsprache und eine Besserung der wirtschaftlichen und rechtlichen Lage fordert, im Jahre 287 endgültig beigelegt werden. Zum anderen beendet Rom die langwierigen Kämpfe gegen die Samniten, ein einheimisches Volk Mittelitaliens, im Jahr 290 erfolgreich. Nach einem Sieg über die süditalienische Griechenstadt Tarent und den mit ihr verbündeten griechischen Condottiere Pyrrhus (272) ist Roms Herrschaft in Italien bis zum Po gesichert.

Dieser Machtzuwachs Roms ist die Ursache für den Konflikt mit Karthago, das sich in seinen Handelsinteressen bedroht fühlt. Es kommt zum ersten und zweiten Punischen Krieg (264–241 und 218–201), in denen es für Rom oft übel aussieht – besonders als das karthagische Heer unter Hannibal mit seinen Kriegselefanten von Spanien kommend die Alpen überschreitet, in Italien einfällt und die Römer im Jahr 216 in der Schlacht bei Cannae besiegt. Dennoch behält Rom schließlich die Oberhand. Mit seinem Sieg löst es am Ende des 3. Jahrhunderts Karthago als Vormacht im westlichen Mittelmeer ab.

Nun beginnt auch im griechischen Osten eine expansive römische Politik. Das Reich der Antigoniden in Makedonien fällt ihr 168 zum Opfer. Kleinasien kommt 133 durch Erbschaft an die Römer. Damit hat Rom auch die Herrschaft über den östlichen Mittelmeerraum inne. Zur Verwaltung der im Westen wie im Osten eroberten Gebiete ist bereits mit der Einrichtung von Provinzen begonnen worden – Sizilien und Sardinien mit Korsika sind die ersten Gebiete, die auf diese Weise organisiert werden.

Eine Folge der Expansion Roms ist die Öffnung dieser Stadt für die hellenistische Kultur. Bereits im 3. Jahrhundert entsteht unter griechischem Einfluß und nach griechischem Vorbild die lateinische Literatur. Nach der Zerstörung der reichen Handelsstadt Korinth wegen eines Aufstandes gegen die römische Herrschaft (146 v. Chr.) kommen große Mengen von Beutekunst nach Rom. Dort findet man zunehmend Gefallen an diesen Kunstschätzen und beginnt, sie zu kopieren. Ein Glücksfall für die Archäologen! Denn viele Meisterwerke griechischer Bildhauer sind uns nur in römischen Kopien bekannt, die seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden sind.

100 v. Chr.

Die Zeit zwischen 133 und 30 v. Chr. wird oft als Roms Jahrhundert der Bürgerkriege bezeichnet. Immer wieder neue Krisen stürzen einen Staat ins Chaos, der den schnellen Aufstieg zur Weltmacht offensichtlich nicht verkraftet hat. Zumeist sind es von Machthunger getriebene Einzelpersönlichkeiten, die Rom und die dort miteinander streitenden Parteien zu Instrumenten für die Durchsetzung ihrer Interessen machen. Am Ende der Epoche steht die Auflösung der um 500 v. Chr. begründeten Republik und die Errichtung der Kaiserherrschaft durch Augustus

Den Beginn macht im Jahre 133 v. Chr. der Sozialreformer Tiberius Gracchus. Seine Pläne scheitern zwar, doch als Folge der Reformbewegung muß die Spaltung der politischen Führung Roms in eine sich mehr auf die Volksversammlung stützende (die Popularen) und eine die Macht des Senates betonende Partei (die Optimaten) festgestellt werden. Dieser Gegensatz wird in der Folgezeit immer wieder zu blutigen Konflikten führen.

Die beherrschenden Gestalten zwischen 110 und 60 v. Chr. sind Marius, Sulla und Pompeius. Der erste besiegt um die Jahrhundertwende die auf der Suche nach neuem Land von Skandinavien in den Süden Galliens eingefallenen germanischen Stämme der Kimbern und Teutonen und befreit Rom von der Angst vor dem furor Teutonicus. Sulla stellt 82–79 v. Chr. als Diktator die Macht des Senates gegen die Popularen wieder her und legt dann sein Amt freiwillig nieder. Pompeius schließlich kämpft in den 60er-Jahren im Osten und erobert dort 64 v. Chr. die Reste des schon längst sehr geschwächten Seleukidenreiches.

Die wohl bekannteste Gestalt der Antike ist Caius Iulius Caesar. Mit Hilfe des Pompeius erringt er im Jahre 60 das höchste Staatsamt, das Konsulat. In den folgenden Jahren kämpft er in Gallien und unterwirft die dort ansässigen Kelten. Doch dann wendet er sich gegen Pompeius, und es kommt zu einem weiteren Bürgerkrieg. Die Kämpfe führen die beiden Kontrahenten ins Ptolemäerreich nach Ägypten. Pompeius wird dort ermordet, während Caesar eine Affäre mit der schönen Prinzessin Kleopatra eingeht. In Rom macht sich Caesar zum Diktator auf Lebenszeit. Zwei Jahre lang, von 46 bis 44, ist er Alleinherrscher, und man munkelt, er wolle König werden. Doch dann fällt Caesar an den „Iden des März“ (15.03.44 v. Chr.) einer Verschwörung zum Opfer und wird ermordet. Unser Wort „Kaiser“, das von dem Namen Caesars abgeleitet ist, erinnert an die überragende Machtstellung, die dieser Mann in Rom innegehabt hat.

Zeitenwende

Unter der Herrschaft des Augustus, des Adoptivsohnes und Erben Caesars, ist Rom nach einem Jahrhundert der Bürgerkriege endlich zur Ruhe gekommen. Den Abschluß der Kämpfe bildet Augustus’ Auseinandersetzung mit seinem letzten Rivalen Marcus Antonius, die in der Seeschlacht bei Actium (31 v. Chr.), der Einnahme Alexandrias und dem Selbstmord des Antonius und der inzwischen mit diesem verheirateten Kleopatra gipfelt (30 v. Chr.). Ägypten wird nach diesen Ereignissen römische Provinz, und damit hat das letzte der nach dem Tod Alexanders des Großen entstandenen Diadochenreiche aufgehört zu exisitieren.

Nachdem Augustus so die Alleinherrschaft errungen hat, gelingt ihm das, woran Caesar gescheitert ist: die Erhaltung der erkämpften Macht. Augustus läßt die Verfassung der Republik der Form nach in Kraft, unterhöhlt sie aber, indem er eine Fülle von Ämtern und Sondervollmachten auf sich vereinigt. Natürlich nennt er sich auch nicht König, sondern princeps, „der Erste“. Von diesem Wort rührt   die Bezeichnung der ersten Hälfte der römischen Kaiserzeit als Prinzipat her.

Unter Augustus dringt Germanien verstärkt ins Bewußtsein der Römer. Ab 12 v. Chr. kämpfen seine Stiefsöhne in Germanien und stoßen dabei bis zur Elbe vor. Einige Jahre später wird bereits mit dem Aufbau einer Provinz-Verwaltung begonnen, doch dann zwingt das Debakel des Varus in der Schlacht im Teutoburger Wald („Als die Römer frech geworden…“) die Römer im Jahre 9 n. Chr. dazu, Germanien wieder bis zur Rheingrenze aufzugeben.

Wie Jahrhunderte zuvor in Athen für Perikles, so ist auch für Augustus die Förderung der Künste ein wichtiges Anliegen. Auch um ihn scharen sich die größten Künstler seiner Zeit, allen voran die Dichter Vergil und Horaz. Und wie Perikles sorgt auch Augustus für die architektonische Ausgestaltung seiner Heimat. Er habe Rom als eine Stadt von Backsteinen vorgefunden und zu einer Stadt aus Marmor gemacht, rühmt er sich in seinem Tatenbericht.

Als Augustus im Jahre 14 n. Chr. stirbt, hinterläßt er das römische Reich in wohlgeordnetem Zustand. Ihm folgt eine lange Reihe römischer Kaiser, von denen die ersten vier noch aus seiner eigenen Familie stammen. Durch das Geschichtswerk des Tacitus und die mit zeitgenössischem Klatsch und Tratsch angereicherten Biographien des Sueton ist die Erinnerung an diese so unterschiedlichen Charaktere bis heute lebendig geblieben: an den fähigen, aber düsteren und menschenfeindlichen Tiberius; an Caligula, der sich in Rom als Gott verehren läßt und angeblich plant, sein Lieblingpferd zum obersten Staatsbeamten zu machen; an Claudius – gebildet, aber von seinen Frauen und Freigelassenen beherrscht; und schließlich an Nero, den „Theaterkaiser“, dessen künstlerischer Ader seine skrupellose Grausamkeit gegenübersteht.

100 n. Chr.

Im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts n. Chr. haben verschiedene Ereignisse das römische Reich erschüttert. Ins Jahr 64 gehört der große Brand Roms, von dem das Gerücht ging, er sei auf Befehl Neros gelegt worden. 79 n. Chr. werden beim Ausbruch des Vesuvs die Städte Pompeji und Herculaneum am Golf von Neapel in vulkanischer Asche begraben. Von größerer Tragweite als diese nur lokalen Unglücksfälle sind der jüdische Aufstand der Jahre 66–70, der mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels endet, sowie der Sturz Neros, des letzten Kaisers aus dem Haus des Augustus, und der Bürgerkrieg des anschließendenen „Vierkaiserjahres“ 69 n. Chr.

Im Jahre 100 kündigt sich bereits wieder eine neue Zeit an. Jetzt regiert Trajan (98–117 n. Chr.), der zu den sogenannten Adoptivkaisern gehört, einer Reihe von Herrschern, die durch einen Zufall der Geschichte allesamt kinderlos enden und deshalb die von ihnen ausersehenen Nachfolger adoptieren.

Trajan ist der erste römische Kaiser, der nicht aus Italien, sondern aus einer Provinz, aus Spanien stammt. Unter seiner Regierung erreicht das römische Reich die größte Ausdehnung in seiner Geschichte: Nach Feldzügen gegen die Daker (dargestellt auf der großartigen Trajanssäule in Rom), gegen die Nabatäer und Parther richtet Trajan die Provinzen Dacia, Arabia, Armenia, Assyria und Mesopotamia ein. In Germanien haben bereits die Kaiser der flavischen Dynastie (69–96 n. Chr.) wieder militärisch operiert und dabei das Gebiet zwischen Rhein, Donau und Neckar erobern können.

Trajan sieht sich als erster der römischen Kaiser gezwungen, gesetzlich gegen eine Bewegung vorzugehen, die sieben Jahrzehnte vor seiner Regierungszeit begonnen hat: das Christentum. Insbesondere die Mission des Paulus in den 40er- und 50er-Jahren hat dazu beigetragen, daß sich die neue Religion nach der Kreuzigung Christi (um 30 n. Chr.) aus unbedeutenden Anfängen heraus schnell ausgebreitet hat. Spätestens seit der Zeit Neros muß es eine christliche Gemeinde in Rom geben, denn Nero macht die Christen für den Brand der Stadt verantwortlich. So kommt es zu den ersten Christenverfolgungen, bei denen der Legende nach auch Paulus und Petrus ihr Leben lassen. Erst Trajan aber stellt eine allgemeine Richtlinie über das juristische Vorgehen gegen die Christen auf, die als Staatsfeinde betrachtet werden, weil sie sich nicht am römischen Staatskult, zum Beispiel am Opfer für das Heil des Kaisers, beteiligen wollen.

200 n. Chr.

Unter den Nachfolgern Trajans, den Kaisern Hadrian (117–138), Antoninus Pius (138–161) und Marc Aurel (161–180), hat das Römische Reich eine Zeit des inneren und äußeren Friedens, der geordneten Verwaltung, wirtschaftlichen Prosperität und kulturellen Blüte erlebt (Pax Romana). Schriftsteller wie Lukian von Samosata oder Apuleius von Madaura schreiben Satiren und Romane, der Arzt Galenos aus Pergamon verfaßt umfangreiche medizinische Schriften, die das ganze Mittelalter hindurch als grundlegend gelten werden. In Rom entsteht unter dem Griechenfreund Hadrian mit dem Neubau des Pantheons einer der größten Kuppelbauten der Antike, und die Städte des Ostens, die weitgehende Selbstverwaltung genießen, versuchen sich in der Ausgestaltung mit repräsentativen Platzanlagen und Gebäuden zu überbieten. Die Grenzen des Reiches werden durch aufwendige Befestigungsanlagen gesichert, zum Beispiel in England durch den Hadrianswall und in Südwestdeutschland durch den obergermanischen und rätischen Limes. In solchen Zeiten erfreut sich auch das Kaisertum breiter Zustimmung in der Bevölkerung, die innere Verfassung des Reiches scheint sicher und unangefochten.

Doch noch unter Marc Aurel beginnt sich das glanzvolle Bild zu verdüstern. Der „Philosoph auf dem Kaiserthron“ – er schreibt Wege zu sich selbst in griechischer Sprache – muß schwere Kriege gegen die Parther im Osten und die germanischen Markomannen an der Donau führen. Sein Sohn und Nachfolger Commodus (180–192) fällt einer Verschwörung zum Opfer, woraufhin es zum Bürgerkrieg eines zweiten Vierkaiserjahres kommt (193). Als Sieger aus diesen Wirren geht Septimius Severus hervor, der eine neue Dynastie (bis 235 n. Chr.) begründen kann.

Die afrikanische Herkunft dieses Herrschers weist darauf hin, daß die Bewohner der einst von Rom unterworfenen Gebiete um 200 n. Chr. längst begonnen haben, sich selbst als Römer zu betrachten. Die Kultur der Eroberer ist übernommen worden, und in vielerlei Hinsicht haben die Provinzen Italien bereits überflügelt. Keine 150 Jahre wird es mehr dauern, bis ein römischer Kaiser seine Residenz von Rom weg an den Bosporus in die nach ihm benannte Stadt Konstantinopel verlegen wird. Der Romanisierung der Provinzen trägt ein Gesetz von Septimius Severus’ Sohn Caracalla Rechnung, die Constitutio Antoniniana (212 n. Chr.). Durch sie erhalten alle freien Bewohner der römischen Provinzen das Bürgerrecht, werden also auch juristisch den Römern gleichgestellt.

300 n. Chr.

Im 3. Jahrhundert hat das römische Kaiserreich die schwerste Krise seiner Geschichte durchgemacht. Nach dem Ende der Dynastie der Severer (235 n. Chr.) stehen innerhalb von 50 Jahren fast 50 verschiedene Herrscher und Usurpatoren an der Spitze der Reiches. Es sind die sogenannten Soldatenkaiser, die vom Militär aus den eigenen Reihen heraus an die Macht gebracht und in den meisten Fällen nach nur kurzer Regierungszeit ermordet werden. Auch von außen drohen dem Reich Gefahren. 227 n. Chr. entsteht im Vorderen Orient das neupersische Reich der Sassaniden, das in der Folgezeit zum stärksten Gegner Roms werden wird. An der Rheingrenze und am obergermanisch-rätischen Limes kommt es zu Einfällen der Alamannen und Franken; 260 n. Chr. muß Südwestdeutschland aufgegeben werden. Ähnlich bricht zehn Jahre später die nördlich der unteren Donau gelegene Provinz Dacia unter dem Ansturm der Barbaren zusammen. Zu diesen innen- und außenpolitischen Problemen tritt noch die desolate wirtschaftliche Situation, die mit einer schweren Inflation einhergeht.

Erst unter Diocletian (284–305) und seinen Nachfolgern, unter denen Konstantin der Große herausragt, gelingt die Überwindung der Krise. In weitgehenden Reichsreformen wird das von Augustus geschaffene Regierungssystem (Prinzipat) durch eine absolutistische Verfassung, den Dominat, ersetzt. Das Reich wird in vier Präfekturen mit 14 Diözesen eingeteilt, die insgesamt 117 Provinzen umfassen. Zivile und militärische Gewalt sind nun getrennt. 330 n. Chr. macht Konstantin die nach ihm in Konstantinopel umbenannte Stadt Byzanz am Bosporus zur Hauptstadt des Reiches.

Von grundlegender Bedeutung für die weitere Geschichte des Abendlandes ist die Durchsetzung des Christentums. Noch unter Diocletian sind die Christen schweren Verfolgungen ausgesetzt, bevor Galerius ihre Religion im Jahre 311 widerwillig als erlaubt anerkennen muß. Noch weiter geht Konstantin: er fühlt sich persönlich zum Christentum hingezogen und fördert es nach Kräften. Die Legende erzählt, in der Auseinandersetzung mit einem Gegenkaiser habe er im Jahre 312 vor der Schlacht an der Milvischen Brücke bei Rom in einer Vision das Christusmonogramm XP (für griechisch Χριστός = Christus) gesehen und die Botschaft erhalten, mit diesem Zeichen werde er siegen. Konstantin habe es darauf ankommen lassen und die Buchstaben XP auf seine Feldzeichen gesetzt; nach gewonnener Schlacht habe er sich dann bekehrt. Wie es mit dieser Legende auch stehen mag – Tatsache ist, daß Konstantin sich kurz vor seinem Tod 337 n. Chr. taufen läßt. Das römische Reich ist damit ein christliches Reich geworden.

400 n. Chr. und später

Schon kurze Zeit, nachdem das Christentum nach Jahrhunderten der Verfolgung durch den römischen Staat offiziell erlaubt worden ist, geht es gegen Ende des 4. Jahrhunderts selbst zum Angriff über. 391 n. Chr. erklärt Theodosius der Große (379–395) es zur Staatsreligion und verbietet alle heidnischen Kulte. Von nun an werden die römischen Kaiser im Namen Christi, der doch Frieden gepredigt hatte, Andersgläubige verfolgen. Auch die von Beginn der griechisch-römischen Antike an alle vier Jahre zu Ehren des Zeus gefeierten Olympischen Spiele fallen dieser Religionspolitik zum Opfer – 393 oder 394 n. Chr. werden sie verboten.

Kündigt sich schon darin der Anbruch einer neuen Zeit an, so wird dies in den außenpolitischen Ereignissen seit der Zeit des Theodosius noch deutlicher. Im Jahre 375 fallen die Hunnen, ein asiatisches Reitervolk, in Osteuropa ein und zerschlagen das Reich der germanischen Ostgoten auf der Krim-Halbinsel. In einer Kettenreaktion verdrängt nun ein Volk das andere aus seiner Heimat, und in diesem dynamischen Prozeß, der Völkerwanderung, geht die antike Welt in Trümmer. Für das römische Reich, das seit dem Tod des Theodosius (395) in eine östliche und eine westliche Hälfte geteilt ist, wird das 5. Jahrhundert zur Leidenszeit. Auf seinem Boden bilden sich nach und nach verschiedene germanische Reiche. Die tausendjährige Stadt Rom wird zum ersten Mal seit dem Keltensturm von 387 v. Chr. erobert und geplündert: 410 durch die Westgoten, 455 durch die Wandalen. 476 kommt das Ende für das Westreich. In diesem Jahr setzt der Germane Odoaker den letzten Kaiser, Romulus Augustulus, ab.

Als im Jahre 568 mit der Landnahme der Langobarden in Italien die Völkerwanderung endet, hat sich die Welt gewandelt. Eine neue Zeit ist angebrochen, das Mittelalter. Aber es gibt auch viele Kontinuitäten. Das oströmische oder byzantinische Reich wird noch bis ins Jahr 1453 bestehen, Rom als Sitz des Papsttums neue Weltgeltung erlangen. In vielen Gebieten, die einst Teil des römischen Reiches waren, werden noch heute Sprachen gesprochen, die auf das Lateinische zurückgehen. In den Klöstern des Mittelalters haben Mönche durch das Abschreiben alter Handschriften die Kultur der Griechen und Römer vor dem Vergessen bewahrt. Das Zeitalter der Renaissance hat seinen Namen von dem Bestreben, der Antike zu einer Wiedergeburt zu verhelfen. Dies ist ihr in einem solchen Maße gelungen, daß die Geistesgeschichte der Moderne ohne Kenntnis ihrer antiken Wurzeln nicht zu verstehen ist. Zur Pflege dieser Kenntnis will auch das Württembergische Landesmuseum Stuttgart beitragen.

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